Abstracts

 

Plenumsvortrag

Prof. Dr. Cristina Allemann-Ghionda, Köln
(AG Ethnopädagogik)

Zum Problem der Bildung in kulturell pluraler Gesellschaft

Der Beitrag erörtert die Frage, ob und in welcher Weise die Pluralität der Kulturen sich auf die Bedingungen, Ziele und curricularen Inhalte der allgemeinen Bildung auswirkt und eine (weitergehende) Anpassung derselben auf veränderte gesellschaftliche Verhältnisse und Bildungsbedürfnisse erfordert. Die Bedingungen sind heute markant geprägt durch die Globalisierung der Wirtschaft (mit verstärkten Migrationsbewegungen) und der Kultur(en) nicht zuletzt durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Letztere wirken sich auf viele Aspekte des Lebens aus und tragen, so wird angenommen, zum Aufbau polyphoner Identitäten bei. Die Ziele und Inhalte der allgemeinen Bildung verändern sich, wie vorliegende Forschungsergebnisse zeigen, in zwei Richtungen, die nur auf den ersten Blick einander widersprechen und aufheben. Einmal bewirkt die Globalisierung der Bildungsdiskussion (eine Folge der Globalisierung der Wirtschaft und der Kulturen) eine zunehmende, weltweite Angleichung der kulturellen Inhalte der Bildung (Meyer 1996), wobei die Bildungssysteme der Dritten Welt keineswegs davon ausgeschlossen sind. Zugleich wird der Kanon der allgemeinen Bildung in den meisten Systemen langsam aber sicher empfänglich für die Vielfalt der Sprachen und Kulturen einschließlich derjenigen der regionalen Minderheiten. Beispiele dafür sind in allen Kontinenten bekannt.
Das Problem der Bildung in kulturell pluraler Gesellschaft, so die Hauptthese dieses Beitrags, liegt heute nicht in einer ethnisch verstandenen "Multikulturalisierung" der Bildung, wie sie in den achtziger Jahren in Nordamerika in einer Strö-mung der Bildungsdiskussion und -politik propagiert wurde (D'Souza 1992) und auch in Europa ihre Anhänger gefun-den hat. Denn die bloße Wertschätzung und Förderung der ethnischen Minderheiten kann sich in einem rivalisierenden Nebeneinander erschöpfen und ist nicht hinreichend, um alle sich Bildenden auf ein Leben in pluralen Verhältnissen und mit pluraler Sichtweise vorzubereiten. Notwendig ist viel-mehr eine Bildung, die a) das Humankapital unter Beteili-gung aller gesellschaftlichen Gruppen voll zur Entfaltung bringt, und nicht nur das kulturelle Kapital (Bourdieu) einer einzigen, dominanten Schicht valorisiert; b) Kompetenzen (OECD 1999) im analytischen, kritischen und kommunikativen (nicht nur sprachlichen) Bereich ausbildet; c) zugleich sozial und kulturell diskriminierende Strukturen in den Bildungssystemen reflektiert (Allemann-Ghionda 1999).
Leitend ist dabei der Begriff der Dezentrierung, der - bereits von Piaget (1931) angewendet - aus heutiger Sicht weiterentwickelt werden kann.

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