Abstracts

 

Plenumsvortrag

Prof. Dr. Peter Schröder, Recife, Brasilien
(AG Berufsperspektiven)

Berufsperspektiven für Ethnologen im Kontext der Globalisierung: Anregungen aus der Sicht einer "peripheren Anthropologie"

Der Soziologe Ulrich Beck schreibt in seinem Buch "Schöne neue Arbeitswelt" (1999), dass Europas Zukunft der Arbeit in südamerikanischen Ländern besichtigt werden könne und dass zukünftig die Hälfte der Beschäftigten "brasilianisch" (unter prekären Erwerbsbedingungen) arbei-ten werde. Ethnologen scheinen auf diese Zukunft relativ gut vorbereitet zu sein, da ihre fachlichen Berufsperspektiven bereits prekär waren, bevor man von der Globalisierung und ihren Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte sprach. Tatsächlich zeigen einige Studien, dass ein Ethnologiestudium nicht zwangläufig beim Sozialamt endet, sondern dass die Mehrheit der Absolventen irgendwo "unterkommt". Es stellen sich eher die Fragen, ob diese Beschäftigungen noch irgend etwas mit Ethnologie zu tun haben und in wie weit sich diese Perspektiven berufsethisch, arbeits- und wissenschaftpolitisch rechtfertigen lassen. Hat die Ethnologie überhaupt noch Einfluss auf die eigenen Berufsperspektiven angesichts der scheinbaren Allmacht globalisierter Entwicklungen der Arbeitsmärkte?
Ein Blick auf andere Ethnologien kann für die Beantwortung dieser Frage wichtige Anregungen liefern. Dabei empfiehlt es sich, nicht nur die immer wieder zitierten US-amerikanischen und westeuropäischen Situationen zu betrachten, da diese der deutschen zunehmend ähnlicher werden, sondern vielmehr die Erfahrungen so genannter "peripherer Anthropologien" (Roberto Cardoso de Oliveira) kritisch auszuwerten. Wie "brasilianisch" (in Becks Sinne) sind beispielsweise die Berufsperspektiven der brasilianischen Anthropologen? Die brasilianische Anthropologie ist lebhaft, überwiegend sozial engagiert und hauptsächlich den Problemen des eigenen Landes zugewandt. Die Arbeitsfelder für Anthropologen sind deutlich umfassender als für Ethnologen in Deutschland, so dass sich aus dieser Praxis einiges lernen lässt. Es zeigt sich, dass die konventionellen akademischen Tätigkeiten noch erheblich ausweitbar sind und dass die brasilianischen Anthropologen den deutschen Kollegen im Bereich praktischer Ethnologie seit langem weit voraus sind. Obwohl die Situation der brasilianischen Anthropologie keinesfalls als allgemein positiv bezeichnet werden kann, lassen sich aus ihren Erfahrungen wichtige Anregungen für die deutsche Ethnologie gewinnen.

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